B U S I N E S S C L A S S
Is' mir übel
Sie sind wasserdicht, standfest, gut
verschließbar und für vieles zu gebrauchen. Wir reden über
Spucktüten
Müllender

Die Zeit: Herr Elsaesser, Sie machen Ihr Geld
mit der Übelkeit leidender Flugpassagiere. Ist Ihre
Berufsbezeichnung: Kotztüten-Fabrikant?
Robert Elsaesser: Nein, nein. Die Spuckbeutel
sind ja nur ein kleines Segment unserer Firma. Wir sind
Verpackungshersteller für Lebensmittel, Chemie, Pharmazie, Kosmetik.
In verschiedenen Dichtigkeiten: wasserdicht, vakuumdicht,
pasteurisierungsbeständig et cetera.
Zeit: Spuckbeutel müssen erbrechensbeständig
sein.
Elsaesser: Das zählt zu wasserdicht. Sie müssen
standfest sein, sicher und gut verschließbar. Unser Motto war lange:
»Wir halten dicht.«
Zeit: Wie heißen sie denn nun korrekterweise:
Kotztüte oder Spuckbeutel? Draufgeschrieben ist manchmal »Für die
Luftkrankheit«. Der Schweizer sagt Chotzbütel, der Österreicher
Speisackerl, prullenzakje der Holländer, auf Englisch gibt
es den disposal bag oder waste bag ...
Elsaesser: Schriftlich sieht »Kotzbeutel«
fürchterlich aus. Wenn man es lieblich ausspricht - schon besser.
Wir nennen das spezielle Papier, das mit Polyethylen beschichtet ist,
hoch offiziell Kotzbeutelpapier. Ganz freundlich ausgesprochen.
Zeit: Wie viele verkaufen Sie im Jahr?
Elsaesser: Rund 70 Millionen, Stückpreis sechs
bis zehn Pfennig.
Zeit: So viele werden wohl kaum benutzt?
Elsaesser: Sicher nicht. Das liegt im
Promillebereich. Aber man will sie auch für andere Dinge benutzen.
Neulich hat uns eine Fluggesellschaft, die größte der Welt, gesagt,
sie müssten Beutel haben, die kochendes Wasser aushalten. Hab ich
gesagt, kein Problem, aber wofür? Sie heizen an Bord die
Babyflaschen in den Beuteln auf. Einmal wollte eine Fluggesellschaft
dringend wissen, ob unsere Tüten auch lebensmittelecht sind.
Natürlich, haben wir gesagt, warum? Bei denen wurde Eis in
Spuckbeuteln aufbewahrt und den Gästen aus der Tüte zum Aperitif
gereicht. Ein Passagier hat entsetzt reklamiert.
Zeit: Das ist ja auch Zweckentfremdung.
Elsaesser: Aber völlig okay. Es zeigt nur die
vielen Anwendungsbereiche. Die meisten Passagiere benutzen sie als
Abfallbeutel. Es gibt Fluggesellschaften, die in solchen Tüten ihre
Duty-free-Artikel abgeben. Bei einigen deutschen Charterfliegern
sind sie gleichzeitig ein Retour-Beutel für Filme. Das ist ein
Supergeschäft für alle Beteiligten: Die Fotofirma hat sehr guten
Rückfluss, die Fluggesellschaften haben die Beutel günstiger, und,
gut für uns, sie brauchen immer neue.
Zeit: Waren Sie die Ersten am Markt?
Elsaesser: In dieser Form schon. Unser erster
Kunde war Olympic Airways, vor über 20 Jahren. Dann ist es uns
gelungen, die ganze Welt auf ein Format und eine Qualität
festzulegen. Heute haben wir einen Marktanteil von über 30 Prozent
und beliefern über 100 Fluglinien. Interessant ist, dass
Gesellschaften etwa gleicher Größe sehr unterschiedlichen Bedarf
haben. Es gibt Länder, etwa Saudi-Arabien, wo die Leute einfach
alles mitnehmen aus dem Flugzeug; British Airways oder United haben
einen hohen Bedarf wegen ihrer Größe; deshalb sind das auch unsere
größten Abnehmer.
Zeit: Wie viel passt rein in die Tüte?
Elsaesser: Ich hab das nie gemessen oder
getestet. 1,5 Liter hätten schon Platz, glaube ich. Das Format ist
immer gleich: 125 Millimeter breit, 80 tief, 237 hoch.
Zeit: Das sind ... 2,37 Liter brutto. Ist die
Verschlusstechnologie denn mittlerweile perfektioniert? Lange wurde
mit Kordeln gearbeitet, und es gab missverständliche Anweisungen
fürs Zusammenbinden, Zusammenknoten. Was im Falle der Fälle nicht
immer gut ausging.
Elsaesser: Also, unser Papierbeutel hat einen
Clip. Der hält. Das ist die einfachste Art, und mit dem Klotzboden
fallen die Beutel nicht um. Unsere neueren sind oben versiegelt mit
einer Perforationslinie zum Öffnen.
Zeit: Aber will ich denn noch fummeln, wenn es
mich ganz plötzlich überkommt?
Elsaesser: Es ist ganz leicht. Der Grund sind
die Kaugummi-Esser. Der unerzogene Mensch klebt den Kaugummi unter
den Sitz. Der gut erzogene nimmt die Spucktüte. Er öffnet den Beutel
ein wenig, lässt den Kaugummi hineinfallen, macht wieder zu und
steckt die Tüte zurück. Dann klemmt der Gummi die Tüte zu, und
niemandem wird auffallen, dass etwas im Beutel ist. Und man glaubt
nicht, wie viel Kaugummi kauende Menschen es auf der Welt gibt. Da
hat uns eine Airline gebeten: Lasst euch was einfallen.
Zeit: Kotztüten sind offenbar ein Gebiet mit
ständig neuen technologischen Herausforderungen.
Elsaesser: Es ist so. Ein Massenprodukt,
technisch auf niedrigem Standard. Aber mit vielen kleinen Finessen.
Zeit: Gibt es bei der Elag einen speziellen
Spucktüten-Designer?
Elsaesser: Natürlich haben wir eine
Designabteilung und auch Anfragen. Aber früher war das häufiger der
Fall. Heutzutage haben die Fluggesellschaften ganz präzise Corporate
Identitys. Sie entwerfen lieber selbst: Schrift, Farbe, Text,
Aufmachung. Manche wollen sogar ihr Stoffmuster in der Kabine auf
der Tüte wiedersehen. Neben all dem Technischen muss eine ideale
Tüte auch einen besonders schönen Aufdruck haben, eine ansprechende
Gestaltung.
Zeit: Was ist denn Ihre liebste Tüte?
Elsaesser: Früher die von Balair: rote, blaue
und silberne Streifen, sehr elegant. Eine wirklich schöne Tüte heute
ist die von Uzbekistan Airways. Die haben die Usbeken selbst
entworfen. Sehr gelungen.
Zeit: Sammeln Sie persönlich? In der Basler
Zeitung stand über das Spuckbeutel-Ensemble in Ihrem
Konferenzraum: »... nebeneinander stehen sie ganz oben auf dem
Regal. Wie Pokale einer großartigen Kegelmannschaft ...«
Elsaesser: In unserem Showroom stehen unsere
Produkte und in einem Regal halt die, ja: Kotztüten. Es gibt aber
einige Sammler, die sich jedes Jahr bei uns melden. Und da sind wir
auch sehr großzügig. Einer aus Holland hat 4000 verschiedene.
Zeit: Die Existenz der Tüten wird in den
Flugzeugen nicht sehr offensiv verkündet. Sonst wären die Tüten
bekannter, es würden mehr geklaut, und Sie hätten mehr Umsatz.
Elsaesser: Nun gut, eigentlich kann ich das
Mitnehmen auch nur empfehlen. Die Beutel sind im Auto unglaublich
angenehm.
Zeit: Haben Sie schon eine benutzen müssen?
Elsaesser: Ich? Nein, nicht für diesen Zweck.
Aber ich habe schon andere gesehen. Und für mich gedacht: Schön,
dass es uns gibt.